Ein Samstag im Mai 1980

24. Mai 2020 | Von | Kategorie: Aktuell, Regatta

Erinnerungen an eine vergessene Bootsklasse

Am 24. und 25. Mai 1980 fand auf der Regattabahn Wedau-Sportpark in Duisburg das 67. Deutsche Meisterschaftsrudern statt. Der EKRC startete in diversen Rennen, die Erfolge im schweren und leichten Achter sind hinlänglich bekannt.  

Mit meinem heutigen Artikel möchte ich ein besonderes Augenmerk auf die leider fast vergessene Bootsgattung des Männer-Zweier mit Steuermann richten. Damals war es üblich, dass Ruderer aus Großbooten auch in den Kleinbooten starteten. Es stellte sich also die Frage, Zweier-mit oder -ohne. Grommeck und Luschi haben sich für den Zweier mit mir entschieden. Ein bis heute unvergessliches Rennen.

Der Zweier-mit, seit 1996 nicht mehr im Olympischen Programm und seit 2005 ebenfalls nicht mehr Bestandteil des Deutschen Meisterschaftsruderns erfordert eine besondere Liebe und Hingabe, da er im Gegensatz zum Achter oder Vierer mit deren Geschwindigkeit eher im Zen oder Valium Bereich anzusiedeln ist. Ein Rennen über 2000 Meter dauert auf hohem Niveau und optimalen Bedingungen rund 30% länger als in den anderen Booten. Ein Sprint, im Achter eine durchaus probate Aktion um sich einen Vorsprung zu erarbeiten, ist hier nicht unbedingt das Mittel der Wahl, um am Ende die Bugspitze vorn zu haben. Denn nur 2 Personen bewegen das Boot voran, während ein Dritter das Rennen und die Gegner liest. Nur blindes Vertrauen und absolute Harmonie bewegen dieses Boot wirklich voran. Nicht umsonst prangte an dem clubeigenen Zweier-mit ein Schild 3 Personen oder 225 KG.

Dieses Gewicht mussten die beiden Ruderer mit über die Strecke bringen!

Die Anreise erfolgte am Donnerstag, da das Vorrennen bereits am Freitag stattfand. Die heute fast unvorstellbare Zahl von 10 Meldungen machten dieses Prozedere notwendig. Die Taktik war, bis 1000 Meter mitfahren und dann schauen, wo wir liegen. Grommeck und Luschi wären nicht Grommeck und Luschi, würden sie dieses Rennen nicht wie Grommeck und Luschi im Zweier-ohne anfahren. Wir lagen gut, sie merkten dann aber doch, dass ich mit an Bord war und die Profis Popp/Ippach/Blase etwas routinierter in dieser Bootsgattung sind und uns Schlag für Schlag, Zentimeter um Zentimeter davonfuhren. So ließen wir sie ziehen, wussten aber, dass wir auf Schlagweite fahren können.  

Am Samstag, den 24. Mai 1980, um 10:30 Uhr, fanden die Hoffnungsläufe statt. Die jeweils 2 besten Boote konnten sich für das nur 5 Stunden später stattfindende Finale qualifizieren.  Ähnliche Taktik wie am Vortag, nur dass das Rennen bis zum Ende durchgefahren wird. Wir liegen gut, auch wenn das Feld heute deutlich dichter zusammen ist als in den Vorläufen. Jeder möchte gerne im Finale starten, es geht auch um die Hackordnung im Achter. Am Ende belegen wir mit 7:54:46 den zweiten Platz, es sollte unsere schnellste Zeit an diesem Wochenende sein.

Ein paar Stunden Erholung. Ehrlich gesagt, ich habe vergessen, was zwischen den Rennen passiert ist. Aber viel wird es nicht gewesen sein. Das Briefing von Kleini, dem Achtertrainer von Grommeck und Luschi, sehe ich dafür fast vor den Augen. Da er mehr als eine Mannschaft im Rennen hat, hat er versucht, diese aufeinander anzusetzen, um dadurch das Bestmögliche für alle herauszuholen. Das ist aber nicht notwendig, denn jeder will sowieso die Nase vorn haben. Trotzdem kommt die Frage, „hast du das den anderen auch gesagt“? Grinsen und ab aufs Wasser. Am Steg noch ein paar motivierende Worte von Kaller und meinem leichten Achter. Finale.

Vor einem Zweier-mit Rennen ist es sehr ruhig am Start. Im Achter wird viel gequatscht, hier hat jede Seite nur einen Ruderer. Der Steuermann braucht keine Sprechanlage, die Coxbox war damals noch nicht erfunden. Die eigene Stimme reicht, man muss noch nicht einmal laut schreien.  Alle Teams sind voll fokussiert, das sonst so aufwendige Ausrichten ist schnell erledigt. Ungewöhnlicherweise beginnt das Rennen mit einem Fehlstart, aber beim zweiten Mal klappt es und die zwölf Ruderer und sechs Steuerleute machen sich auf den langen Weg. Die Renngemeinschaft RaW / Undine Saarbrücken führt das Feld an, alle anderen Boote sind aber noch im Rennen und jeder Schlag wird abgearbeitet. Lange, kräftige Wasserarbeit ist das A & O im Zweier-mit und hier zeigen 6 Boote, wie das geht. Den Vorteil haben dabei die schweren Ruderer, da sie das Boot mehr und mehr zum Gleiten bringen. Das Rennen scheint nicht enden zu wollen, aber jeder kann immer mehr sehen, wo sein Platz in der Hackordnung ist. Wir kommen für unsere Konstellation gut über die Strecke und wittern am Ende des Rennens Morgenluft. RaW/Undine, die keinen Hoffnungslauf zu bestehen hatten und damit deutlich frischer an den Start gegangen sind, haben lange in Führung gelegen. Doch sie haben scheinbar überpacet. Ich erkenne die Chance und hole das letzte aus Grommeck und Luschi heraus, Schlag um Schlag kommen wir näher. Noch kurz vor dem Ziel liegen wir auf dem letzten Platz, kommen jedoch gefühlt zeitgleich ins Ziel. Vollkommen erschöpft, 2 körperlich, einer emotional, liegen wir noch lange im Ziel.

Schon als die Siegerehrung läuft, zeigt die Zieltafel EKRC Platz 6 – Photofinish.  Dann das endgültige Ergebnis, Platz 5 mit 7:59:33 immerhin 4 Hundertstel vor dem 6.ten. Wow, ich hätte vorher nie gedacht, dass man so glücklich über einen 5ten Platz sein kann. Kein Sieg, keine Medaille, aber bis heute eines der größten Rennen, das ich je gefahren bin.

Jörk „Chimpy“ Schüßler

2 Kommentare zu “Ein Samstag im Mai 1980”

  1. Benno Kaczenski sagt:

    Mensch Chimpy,
    ein sehr emotionaler mitreißender Artikel. Ich habe den Zweier mit auch immer geliebt.
    Damit wären auch heute noch einige Masters gut und sicher unterwegs.
    Solche Erlebnisse bleiben in Erinnerung und nicht nur die Siege.

  2. Harald Schulz sagt:

    Zweier mit war immer gut. Immer einen dabei, der die Riemen trug, die Turnschuhe brachte, der Bier bestellen und den man ärgern konnte ….

    Legendär die Italiener Carmine Abbagnale, Giuseppe Abbagnale and cox Giuseppe Di Capua aus Neapel. 2 x OL Gold und 7 x WM.

    Ein Video sagt mehr als 1000 Worte – https://www.youtube.com/watch?v=eJRFowAB_cY womit übrigens auch bewiesen ist, dass man in Kiel trainieren kann.

    Wunderbar auch das OL Final 1988 https://www.youtube.com/watch?v=9T88xDj_wDQ

    Ich selbst durfte den Steuermann Giuseppe Di Capua 1988 in Luzern genießen. Nach dem Sieg fuhren sie dem Bootssteg entgegen und er sang the Arie ” La Donna e Mobile!” es klang wunderbar auf dem Göttersee https://www.youtube.com/watch?v=p_BRJJY7_AY

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