46. ICF*-Wesermarathon – 01. Mai 2016

24. August 2016 | Von | Kategorie: Freizeitsport

Eigentlich kenne ich die Veranstaltung schon seit meinen ersten Wanderfahrten auf der Weser in Jugendtagen. Damals schon die Überlegung „da müsste man mal mitmachen“, es ist aber nie dazu gekommen.

 

Vor einigen Jahren hat eine Damentruppe des EKRC den Wesermarathon mehrfach absolviert. Wieder die Überlegung, „da müsste man mal mitmachen“. Andererseits die Überlegung „muss ich mir das antun?“ Ergebnis: wieder nix weiter passiert.

 

Das Umdenken setzt ein, als ich 2014 als Gastruderer mit dem RC Borussia Rheinhausen (mein „Heimatverein“) eine Wanderfahrt auf dem Rhein gemacht habe. Die Kameraden erzählten abends beim Bier, das sie seit Jahren sozusagen mit Kind und Kegel beim Wesermarathon mitmachen als Grundlage für die DRV-Fahrtenabzeichen. Da die Truppe im Hinblick auf ruderische Höchstleistungen nun wirklich völlig unverdächtig ist, kam bei mir zunehmend das „warum eigentlich nicht“ nach vorne.

 

Als Alex Claviez mich im Herbst letzten Jahres ansprach, ob wir denn nicht endlich mal den Wesermarathon konkret angehen wollen, habe ich denn auch spontan zugestimmt.

Nächste Hürde: Mitstreiter suchen. Nach längerem Hin und Her war der Vierer dann voll: Heike Roggenbrodt und Sabine Gödtel, beide bereits mehrfach Marathon-Erfahren, waren dabei und ein weiterer Kamerad, den ich hier nicht namentlich erwähnen möchte, sagte zu.

von links: Michael Böhmer, Uwe Johannsen, Kuddl Roggenbrodt, Heike Roggenbrodt, Sabine Gödtel, Alexander Claviez

von links: Michael Böhmer, Uwe Johannsen, Kuddl Roggenbrodt, Heike Roggenbrodt, Sabine Gödtel, Alexander Claviez

 

 

 

 

 

 

 

Worum geht’s beim Wesermarathon?

 

Ursprünglich eine Veranstaltung der Kanuten, haben sich schnell auch unter Ruderern viele Freunde des Marathons gefunden. Gestartet wird in Hannoversch-Münden knapp unterhalb des Wesersteines (Ihr wisst schon, wo Werra sich und Fulda küssen…), drei Streckenlängen stehen zur Auswahl: 53 km (Beverungen), 80 km (Holzminden) oder 135 km bis Hameln. Es wird keine Zeit genommen, allein das Ankommen ist gefragt. Die Teilnehmerzahlen bewegen sich aktuell zwischen 1.500 und 2.000. Mitmachen können Kanuten und Ruderer in beliebigen Bootsgattungen; bei den Ruderern dominiert der C-Doppelvierer. Jedes Boot macht Pausen nach eigenem Bedarf.

 

Zurück zu uns. Sabine als erfahrene Marathonistin sorgt für Anmeldung und Quartier. Auch wenn wir alle regelmäßig rudern, sollten wir doch wenigstens einmal vorher miteinander im Boot gewesen sein. Bei der Terminsuche stellt sich nach längerem Rumdrucksen raus, das der Kamerad, dessen Name nicht erwähnt wird, kneift. Guter Rat ist teuer und naht doch schnell: der (eigentlich, dazu später) unverwüstliche Uwe Johannsen springt ein.

 

Der ARV hat auf seinem Hänger noch ein Plätzchen frei und übernimmt den Bootstransport. Kuddl Roggenbrodt stellt mit seinem 7-Sitzer-Sharan den Mannschaftstransport. Uwe hat sich eine fette Erkältung aufgesackt und sieht gar nicht gut aus. In Hannoversch-Münden angekommen schnell zur Meldestelle in der Stadt, dann zur Einsetzstelle an der Weser. Hier trudelt ein Bootstransport nach dem anderen ein, auch der ARV ist dabei. Gegenüber auf der anderen Weserseite ist die Jugendherberge, die Wiese dort ist bereits voll belegt mit Kajaks und Ruderbooten.

 

Schnell den Muskelkater zusammengebaut und dann ab zum Quartier in einem Vorort direkt an der Fulda. Das erste und einzige Lokal am Platze bietet Pizza – unser Abendessen. Da die Nacht kurz wird, verschwinden alle früh in den Kojen.

 

03:45 Uhr. Die Nacht ist vorbei. Heike hat eine ordentliche Kanne Kaffee gekocht – das tut uns jetzt gut! Frühstück aus den mitgebrachten Vorräten, nochmal Keramik und dann schon los zum Startpunkt. Der Tag bricht langsam an. Es ist noch recht kühl, aber die Wetteraussichten sind positiv, auf jeden Fall trocken. Die Weser führt leichtes Hochwasser. Klasse, das gibt eine satte Strömung!

 

Das Gelände, wo die Boote lagern ist zwar sehr weitläufig, an der eigentlichen Einsetzstelle kann aber immer nur ein Vierer zur Zeit ins Wasser. Also anstehen und aufpassen wie die Schießhunde, das sich keiner dazwischen drängelt, schließlich wollen alle jetzt los. Der Boden an der Rampe ist im Wasser völlig verschlickt, Vorsicht Rutschgefahr! Aber wir kriegen in angemessener Zeit unseren „Muskelkater“ zusammengebaut und schwimmen um 05.50 Uhr. Ich habe die erste Steuerrunde gewonnen. Plan ist, alle Stunde zu wechseln. Am

Schlag sitzt Heike, die die zweite Steuerstunde übernehmen wird.

 

Das Boot läuft von Anfang an gut, die Strömung tut wie erhofft das Ihrige. Es geht ein leichter Wind, der aber dummerweise aus Nord kommt – also von vorne. Langsam kommt die Sonne über die Hügel und wird uns den ganzen Tag verwöhnen. Wir kommen gut voran, wie geplant übernimmt Heike nach einer Stunde das Steuer. Wir überholen das eine oder andere Kajak, manchmal auch ein Ruderboot. Dann werden wir selbst von einer Mannschaft aus Gießen überholt, die im Stile eines 1000-Meter-Rennens an uns vorbeiprescht. Kurz darauf taucht hinter uns ein Skiff auf. Hier gibt es weit und breit keinen Ruderverein. Will der etwa auch Marathon rudern? Mit langen satten Schlägen zieht der Kamerad auf unsere Höhe und verkündet auf Befragen „Na klar will ich nach Hameln“. Der Junge ist richtig gut drauf, setzt sich mit weiteren satten Schlägen von uns ab und ward nicht mehr gesehen. Respekt !

 

Langsam aber sicher läuft unser Boot nicht mehr so richtig. Uwes Erkältung zollt ihren Tribut. Das kennen wir von Uwe nicht und er will es auch nicht akzeptieren, aber es ist wie es ist:

Uwe schwächelt – verständlicherweise. Entscheidung der Mannschaft: Uwe muss ans Steuer. Bei nächster Gelegenheit vollziehen wir den Wechsel, das Boot läuft gleich wieder vernünftig. Allerdings müssen wir Uwe auf den nächsten Kilometern mehrfach klarmachen, dass man bei dieser Veranstaltung nicht den kürzesten, sondern den schnellsten Weg zu fahren hat. Übersetzt also: nicht den Innenbogen schnibbeln, sondern den Stromstrich suchen! Nach einigen Verständigungsschwierigkeiten klappt das dann aber auch.

 

Hin und wieder taucht am Ufer Kuddl auf – für uns sehr motivierend: wir werden begleitet!

Pausen legen wir ein, wenn es eine ordentliche Anlegemöglichkeit gibt. Da an der Weser zahlreiche Wasserwanderrastplätze eingerichtet wurden, wo ein Vierer gut anlegen kann, ist das kein Problem. Zwischen den Kilometern 80 und 100 fragt sich mancher von uns „was mach ich hier eigentlich?“ Aber Kuddl am Ufer und das Passieren der 100-Kilometer-Marke richten wieder auf. Bei Kilometer 111 machen wir in Bodenwerder beim Ruderverein eine längere Pause. Uwe kommt danach wieder an die Skulls, damit auch Alex und Sabine wenigstens ein bisschen Steuerzeiten bekommen.

 

Auf dieser letzten Sequenz fordern uns einige Kanuten größten Respekt ab. Mit einem Renn-Zweier-Kajak (in Empacher-Gelb!) kommen sie von hinten angeflogen und lassen uns regelrecht stehen. Tolle Leistung !

 

Von früheren Wanderfahrten graut mir vor dem allerletzten Stück. Das Ziel liegt kurz vor der Hamelner Schleuse beim Kanuclub. Und die letzten vier, fünf Kilometer vor der Schleuse, so die Erinnerung, wird die Strömung immer weniger bis zum stehenden Wasser und das Rudern eine äußerst zähe Angelegenheit. Aber wir haben Glück: aufgrund des Hochwassers reicht heute die Strömung tatsächlich bis an die Schleuse heran. Wir legen formvollendet gegen die Strömung um ca. 16.00 Uhr in Hameln an, mit vielen helfenden Händen gleich das Boot raus auf die große Wiese und erstmal kräftig miteinander freuen, das wir es GESCHAFFT haben. Das Ankommer-Bier schmeckt hervorragend.

Abriggern, verladen, kurz verschnaufen. Dann bringt Kuddl uns sicher und staufrei wieder nach Kiel. Uwe Erkältung hat sich übrigens im Nachgang als fulminante Grippe herausgestellt.

 

Fazit: Um eine positive Erfahrung reicher. Ich habe nicht erwartet, doch so schmerzfrei über die Strecke zu kommen, brutto gut 11 Stunden sind ja schon eine Hausnummer. Der stetige Gegenwind hat uns wohl eine Stunde gekostet. Das Ganze nochmal ? Sicherlich, aber nicht gleich im nächsten Jahr. Allen anderen sei die Frage gestellt:

 

Lecker geworden? Am 07. Mai 2017 steigt (voraussichtlich) das 47. ICF-Wesermarathon.

 

*ICF: International Canoe Federation

 

Michael Böhmer

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