Trug der Thronfolger von Abessinien einen Sombrero?

Der Titel, liebe Leser, soll natürlich ihre Aufmerksamkeit auf den nachfolgenden Text lenken, nicht ganz ohne Eigennutz, war doch dessen Entstehung mühevoller, als der Autor zunächst gedacht hatte. Eine einfache Rubrik in den Clubnachrichten „Unsere Pokale“ wäre leicht zufüllen gewesen; sie hätte mir jedoch nicht die Gelegenheit gegeben, meine persönlichen Erlebnisse um diesen Pokal wiederzugeben. Erlebnisse, die sich über mehrere Jahrzehnte hinzogen und die sich durch beiläufige Bemerkungen, Zufälle, Notizen und Hinweise entwickelten, bis ich diese – von Bernd Klose bereits zum als „Meister der Zahlen und Fakten“ tituliert – für die Nachwelt zusammengefügt und hiermit festhalten konnte.

Sie begannen an irgendeinem Clubdienstag Mitte der 80er des letzten Jahrhunderts – letzte Präzisierung  ist bei der langen Geschichte unseres Clubs und des Pokals zur eindeutigen zeitlichen Einordung unerlässlich – als sich unser altgedientes Clubmitglied Jens „Bäcker“ Ingwersen (sein Betrieb ging vor Jahren in die Bäckerei Steiskal über und er ist nicht zu verwechseln mit seinem Namensvetter, dem Cluboriginal „Lorinki“) an mich  in meiner Funktion als Trainer wandte: „Lieber Herr Schulz, ich möchte gerne einen Pokal stiften für den schnellsten Junioren Vierer mit Steuermann aus Schleswig Holstein, einen ganz besonderen und zwar ein [sic] Schild des Thronfolgers von Abessinien!“ Über die Herkunft des Pokals machte Jens Ingwersen nur Andeutungen, aus denen ich mir die wahren Hintergründe nur erahnen konnte: Er hatte den Pokal in seiner Jugendzeit für den EKRC gewonnen, doch landete dieser – wie so viele Pokale noch heute – nicht im EKRC, sondern bei dem Ruderer Ingwersen zuhause an einem persönlichen Ehrenplatz.

Schild des Thronfolgers von Abessinien Liy Iyasu

Schild des Thronfolgers von Abessinien Liy Iyasu

Das Rennen, die Landesmeisterschaft in Segeberg,  war schneller
ausgesucht als ich mir eine Vorstellung von dem Pokal machen konnte, vor allem, was der mit dem Thronfolger von Abessinien zu tun haben sollte. Abessinien war der frühere Name des heutigen Äthiopiens – soweit alles unzweideutig aber „der Schild“, ein „geologisch-tektonisch stabiles Gebiet“ war es bestimmt nicht. Also blieb nur „das Schild“, ein Zeichen und Informationsträger in Form einer Tafel, Platte, Plakette oder „der Schild“,  eine von einem Kämpfer getragene Schutzwaffe.

Das erste Geheimnis wurde am Tage des ersten Pokal-Rennens, das durch den starken EKRC Jugendvierer um Martin Roggenbrodt und Volker Schöer klar gewonnen wurde, gelüftet. Anlässlich der feierlichen Pokalübergabe durch  Jens Ingwersen konnte ich dann den Pokal erstmals bewundern. Es handelte sich tatsächlich um ein “Schutz“-Schild aus Nilpferdleder von ca.

Stiftungsplakette

Stiftungsplakette

60 cm Durchmesser, reichlich verziert mit gold-silberglänzenden Schmuckbeschlägen und einer rechteckigen Silberplakette, die sowohl die Stiftung des Pokals 1921 durch Lorenz Jens, als auch den endgültigen Verbleib 1937 nach dreimaligen ununterbrochenem Sieg beim EKRC sowie die erneute Stiftung 50 Jahre später durch den sichtlich seines schlechten Gewissen erleichterten Jens Ingwersen dokumentierte. Auch in den beiden Folgejahren gewann  der EKRC, so dass der Pokal wieder einmal in den endgültigen Besitz unseres Clubs überging. Diesmal sorgte ich eigenhändig dafür, dass der Pokal einen Platz in unserer Pokalwand im Anton Willer Saal fand, wo er einmal pro Jahr zum Pellkartoffelessen an die  Öffentlichkeit gelangte und mit ihm die Frage, was der Pokal mit dem Thronfolger von Abessinien zu tun habe?

Jahre vergingen ohne eine Antwort. Es gab auch keinen mehr, den man fragen konnte. Sollte das Geheimnis für immer verborgen bleiben? Doch das Schicksal wollte es anders. Als  ich anlässlich eines Grünkohlessens im Clubraum des Rendsburger RV weilte  und nach einem deftigen Essen und einigen Litern Bier meine Blicke schweifen lies, erblickte ich  – nicht dass mich die  Frage des Thronfolgers von Abessinien tagein und tagaus beschäftigte und ich instinktiv nach etwas suchte – ich in einer entfernten Ecke des Saals hoch oben genau den gleichen Pokal, nur in einer modernen und nicht so authentischen Variante. Mit Hilfe meines treuen und eine Leiter ersetzenden Begleiters Luschi holten wir den Pokal von seinem Platz. In seinem Inneren fanden wir zwei vergilbte Zettel.

„Dieser Schild war jahrelang ein Wanderpreis, irgendwann wurde er von den Kielern errungen, wo das Original dann im 2. Weltkrieg den Bomben zum Opfer fiel. Dies ist eine Kopie!  – Christian Kruse 1.  Vorsitzender“  war auf dem einen zu lesen. Das zweite Stück Papier war ein Auszug aus der noch in alt-deutsch gesetzten Zeitschrift zum 25 jährigen Jubiläum des Rendsburger RV mit interessanten Informationen zur Herkunft des Originals.

Rückblick – Afrika um 1900: Der ganze Kontinent ist auf die Kolonialmächte aufgeteilt, nur das seit 980 n. Chr. bestehende christliche Kaiserreich Abessinien konnte 1896  – der EKRC war damals schon 14 Jahre alt – durch einen Sieg  gegen die Italiener seine Unabhängigkeit bewahren.  Dem dort herrschenden Kaiser Menelik II gelang es durch geschickte Diplomatie, dass sein Reich von den Europäern anerkannt wurde. 1905 beauftragte Kaiser Wilhelm II eine deutsche Gesandtschaft unter der Leitung des Geheimen Legationsrat Friedrich Rosen mit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu dem von englischen Einflussgebieten umgebenen Land im Nordosten Afrikas. Die Gesandtschaft war äußerst erfolgreich, noch im gleichen Jahr wurde ein Freundschafts- und Handelsvertrag unterzeichnet, in dessen Folge die deutsch-äthiopischen Beziehungen in allen Bereichen von Politik, Wirtschaft, Kultur und Bildung aufblühten.

 

So unterrichtete unter anderem an der Universität Berlin der von Kaiser Menelik II geschickte Aleqa Tayye als  Lektor am Orientalischen Seminar Amharisch – die offizielle Landessprache Abessiniens. Er war damit der erste afrikanische Universitätsangestellte  in Deutschland. Sein einziger Schüler damals war Lorenz Jensen  aus Rendsburg, der später dann als Dolmetscher an der Gesandtschaft in Addis Abeba seinen diplomatischen Dienst begann und bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum Konsul avancierte.

Liy Iyasu (rechts) mit Teferi - dem späteren Kaiser Haile Selassie, beide mit ihren Prunkschilder

Liy Iyasu (rechts) mit Teferi – dem späteren Kaiser Haile Selassie, beide mit ihren Prunkschilder

Lorenz Jensen, hatte besonders engen Kontakt zum jungen Thronfolger Liy Iyasu. Dieser hegte wie sein Großvater, der 1910 schwer erkrankte und seitdem nicht mehr regierungsfähige Kaiser Menelik II, große Sympathie für die Deutschen. Es gab sogar Pläne, dass Abessinien an der Seite Deutschlands und der Türkei gegen England in den 1. Weltkrieg eintreten sollte. Über die wahre Motivation dieser Pläne hingegen gibt es nur Spekulationen. So u.a. dass Iyasu sich mit Hilfe der Osmanen einen Zugang zum Meer verschaffen wollte, aber auch dass er – wie alle Abessinier eigentlich ein Christ –  mit dem Islam kokettierte. Angetrieben durch Intrigen des Britischen Geheimdienstes führte insbesondere Letzteres jedoch zum Sturz des jungen Thronfolgers 1916 durch christlich bürgerliche Kreise in Adis Abeba.

Sein Nachfolger Teferi – der spätere Kaiser Haile Selassie – internierte Lorenz Jensen auf Druck der Engländer zwar offiziell, er durfte sich jedoch frei in Äthiopien  bewegen und stand nach Kriegssende der sofort wiedereröffneten Deutschen Gesandtschaft in Adis Abeba vor. Die  guten Beziehungen zwischen dem afrikanischen Kaiserreich und dem neuen Deutschen Reich – ohne Kaiser – hatten auch weiterhin Bestand.

1921,  zurück in seiner Heimatstadt und seinem Ruderverein in Rendsburg,  stiftete Konsul Jensen den Schild, den er als Diplomat von dem Thronfolger Abessiniens Liy Iyasu erhalten hatte. Als Pokal für den „Ersten Vierer“ der Rendsburger Regatta. In dem besagten Faksimile der Jubiläumszeitschrift von 1935, die in der Kopie des Pokals versteckt war, kann man folgenden Stiftungstext nachlesen:

„Es ist eine Stückchen Geschichte… aus dem Innern Afrikas, das ich hiermit aus den Händen gebe…. Diese Trophäe ist der Kriegsschild des Thronfolgers von Äthiopien, des früheren Regenten von Abessinien, eines bewährten Freundes der Deutschen. ….Er war mit den Deutschen, aber leider,  fiel er auch mit ihnen, als Opfer der unerschöpflichen Geld- und Machtmittel unserer Feinde, ihrer Lügen und Intrigen. Diesen seinen Schild, den er in zahlreichen blutigen Kämpfen zu seiner und damit der deutschen Ehre glorreich geführt hatte, vermachte er mir, da wie er sagte, er nicht besser aufgehoben wüßte, als in meinen Händen. … und wenn ich nun dieses Vermächtnis an unsere schleswig-holsteinische Jugend heute weitergebe, so geschieht es in dem Wunsch und in der Hoffnung, dass es ein Ansporn sein möge zur Wiedererlangung dessen, was wir draußen in der Welt bedeutet haben….“

Nun war auch das zweite Geheimnis gelöst, der Pokal war tatsächlich der Schild des Thronfolgers von Abessinien. Doch mein sogleich aufgekommener Drang, den Pokal in dem Lichte der neuen Erkenntnis noch einmal in Augenschein zu nehmen, wurde jäh gestoppt. Der große Umbau im EKRC hatte begonnen und alle Pokale waren bei „Krischan“ Prey ausgelagert. Meine Nachfragen nach dem Schild „ einem runden von ca. 60 cm Durchmesser“ halfen nicht weiter. Der Pokal schien wieder einmal im EKRC verschwunden, diesmal nicht in den Wirren des 2. Weltkrieges sondern in den Wirren des Umbaus. Wie peinlich! Glücklicherweise hatte ich – seit 1991 auch Mitglied im Rendsburger RV und damit in doppelter Verantwortung für den Pokal – meine Erkenntnis bisher nur einem kleinen Kreis anvertraut.

Ehrenpreis

Ehrenpreis

Wie groß war deshalb meine Freude und Erleichterung, als ich den „Schild des Thronfolgers von Abessinien“ eines Tages in unserer neuen Pokalwand im Eingangsbereich entdeckte – einem mehr als würdigen Platz für so ein historisch wertvollen Pokal. Als ich „Krischan“ daraufhin ansprach, wo er denn den von mir lange gesuchten Pokal gefunden habe, eröffnete er mir: „ Ich hatte immer nach einem runden Schild (Anmerkung: Informationsträger in Form einer Tafel, Platte, Plakette) gesucht.  Der Pokal war die ganze Zeit bei mir. Nur dachte ich, das wäre eine Art Mexikaner Hut – ein Sombrero!“

 

Harald „Grommeck“ Schulz

 

Quellen:

Von der Rosen-Gesandtschaft bis heute -100 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und Äthiopien – Text: Wolbert G.C. Smidt

Chronik 25 Jahre Rendsburger Ruderverein von 1910

Wikipedia : Stichworte: „Lorenz Jensen“, „Liy Iyasu“, „Rosen-Gesandtschaft“

Bildnachweis:

William Koester, Wikipedia „Das Äthiopische Herrscherhaus“